Donnerstag, 27. Dezember 2012

Chuzpe und Ambiguitätstoleranz


Chuzpe ist ein jiddischer Begriff. Er bedeutet so viel wie: Frechheit. Frech sein um etwas zu erreichen, für das auf anderem Weg viel mehr Aufwand hätte betrieben werden müssen. Mit etwas List, Witz und vielleicht sogar Charme wird der Weg sozusagen abgekürzt. Vielleicht steht Chuzpe mehr für die allgemeine Haltung  der westlichen Welt als für das Judentum. Ich würde ihn gerne hier mit der westlichen Welt in Verbindung bringen.

Ambiguitätstoleranz wird interessanter Weise mit dem Islam in Verbindung gebracht. Ich will das erweitern und sie mit der östlichen Lebenshaltung verbinden.

Es geht hier um den Willen. Einmal – im Fall von Chuzpe – ist er schlagfertig, direkt und unmittelbar. Er trifft, verändert, erlöst. Er ist erfolgreich und stark. Allerdings kann er auch verheerend sein. Seine Kehrseite blockiert, entmutigt und entmachtet. Der Superkluge setzt sich durch. Er bestimmt. Im anderen Fall, wenn es um die Ambiguitätstoleranz geht, ist der Wille zurückgehalten. Er beschreibt, nimmt wahr, er fließt sanft, zieht sich eher zurück und bleibt aufmerksam. Er steigert die Aufmerksamkeit förmlich auf seinem Rückzug.

In einer Zeit, in der wir alle Macht bekommen (es gibt ja keine Indianer mehr sondern nur noch Häuptlinge), müssen wir uns wohl oder übel mit dieser Frage auseinandersetzen. Schließlich trifft es uns alle. Stellen wir uns vor, wir wollen samstags ein Päckchen bei der Post aufgeben. Wir haben Pech, wohnen in der Stadt und die Schlange steht bis auf die Straße. Innen wird an drei (von acht) Schaltern gearbeitet. Irgendwo laufen zwei Angestellte herum, die an langen Listen arbeiten). In relativ langen Abständen kommen unzufriedene (jedenfalls scheinen sie angestrengt) Postkunden mit Zetteln oder Paketen in der Hand aus der Filiale.

Nun gibt es zwei Möglichkeiten: Wir stellen uns brav in die Reihe, üben uns in Geduld, hören vielleicht einen Podcast, sprechen mit der Begleitung, wir beobachten, nehmen die vielen Angebote wahr, lassen uns anregen und so weiter. Oder wir kehren um, geben unseren hart erkämpften Parkplatz auf und fahren zur nächsten Filiale, zu einem Servicepartner oder zu einer Packstation. Möglicherweise haben wir Glück und es geht ganz schnell (und ist vielleicht sogar billiger).

Mein letztes Jahr war immer wieder geprägt durch diese Möglichkeiten. Im privaten Bereich und im Arbeitsbereich. Wann muss ich mich zurückhalten, aushalten, beobachten, lernen, und sogar unterstützen? Und wann muss ich ganz frech eine Entscheidung treffen um Situationen zu lösen?

Vor einigen Monaten haben wir auf einer privaten Israelreise die Golanhöhen besucht. Ein schrecklicher Ort. Man sieht von oben weit in die syrische Ebene. Auf dem Bergrücken hinten lugen hunderte lange Antennen hervor. Man weiß, man spürt, man wird beobachtet. Das Gefühl hat man in Israel öfter. „Nur zu deiner Sicherheit“. Im letzten Sommer wäre das nicht mehr möglich gewesen. Aus Syrien wurde geschossen. Natürlich lassen sich die Israeli das nicht bieten. Man kennt hier die Ambiguität nicht. Toleranz ja, aber keine Ambiguität. Das Weitere ist bekannt, es gab eine weitere Eskalation im Konflikt, die glücklicherweise wieder aufhörte.

Sicher, die Frage ist, wo war nun die Ambiguität des Islam? Hierzu gibt es mehrere Antworten. Aber eine möchte ich nennen: wenn wir lange aushalten müssen, dann kommt es irgendwann vielleicht zu einem Ausbruch. Die Seele, das Gefühl schlägt durch. Es lässt sich nicht mehr kontrollieren. Dann zählt nur der Wille. Es herrscht Zerstörung. So etwas ist geschehen. Nicht nur in Syrien und in Gaza. Auch in Ägypten und anderen islamischen Staaten.

Wer lange Konferenzen erlebt, ist ab und an froh, wenn einer ganz frech eine Lösung ins Plenum ruft und so die gemüthaften Äußerungen der Kollegen mit einem Hieb beendet, die Stimmung zerteilt und alles auf neue Beine stellt. Dann hat Chuzpe „gesiegt“. Zum rechten Zeitpunkt eine aufmerksame Bemerkung und die ganze Gruppe profitiert. Würde aber ständig dazwischen gerufen, würde es nur noch nerven und keiner käme zu Wort.

Andererseits kann es auch sehr lehrreich sein, die reflektierende Gruppe zu beobachten, zu imaginieren, wie diese wachen Geister vor 20 oder 30 Jahren ausgesehen haben, was ihr Leben bestimmt hatte und welches die Antriebe sind. Man erinnert sich an die 5 Säulen der Identität und lernt unwahrscheinlich viel vom Leben. Vielleicht schließt man sich nicht wirklich dem gefundenen Beschluss an, man erwägt noch einmal eine gegensätzliche Position zu vertreten. Aber es kommt gar nicht mehr darauf an. Die Zufriedenheit kommt nicht aus der Bestätigung sondern aus der Beobachtung.

Irgendwie kann ich mich nicht recht entscheiden. Will ich nun lieber Chuzpe oder Ambiguität? Beides ist vielleicht weniger Widerspruch als es mir vorkommt. Und doch haben beide Haltungen ihren Charme.

Wie schön ist es, andere zu irritieren, ihnen aus den Tiefen der Verstandes- und Gemütsseele zu helfen? Einfach durch wenige Worte, eine scharfe Bemerkung? Und wie lehrreich ist es zu beobachten, zu warten und vielleicht begleitet von den Nebenübungen von den anderen zu lernen?

Im letzten Jahr half es mir meine Welt besser zu verstehen. Ich konnte direkten Angriffen häufiger mit einem netten „Hoppla“ oder „WOW“ begegnen und langwierige, schwierige Prozesse mit Interesse und hoher Konzentration verfolgen ohne unruhig oder gar wütend zu werden.

Reinhard Vieser, Weihnachten 2012

Lieteratur: 5 Säulen der Identität: Hilarian Petzold, Die Kultur der Ambiguität. Eine andere Geschichte des Islam: Thomas Bauer. Versuch's doch mal mit Chuzpe: Martin Morlock

Donnerstag, 5. Januar 2012

2011

Jahr des Widerstands. Innere und äußere Widerstände. Momente der Lösung und der Erlösung. Und am Ende wenig Zufriedenheit, aber die Gewissheit: Nicht jedes Projekt muss abgeschlossen werden. Genau genommen weiß ich auch nicht, was geworden wäre, wenn sie hätten abgeschlossen werden können. Vielleicht hätte ich dann nie erfahren, dass es gar nicht darauf ankommt (das ist schmerzhaft und Lernen hat irgendwie immer etwas mit Schmerz zu tun). Wichtig ist und bleibt der Prozess.


Als ich in den 80er Jahren meine Ausbildung machte, gab es keine Frage: Der Erzieher oder Lehrer gibt vor und die Betreuten oder Schüler machen nach. Was zählte, war die Methode. Diese wurde einfach angewendet und wie durch Zauberhand war sie einfach gut. Das, was uns Rudolf Steiner angegeben hat, traf sicher ein. Dazu kam, dass die Rolle des Lehrers geklärt war. Sie passte ins Bild. Alle hatten Achtung und viele Furcht. Jeder wusste, dass Lehrer alles wissen (müssen) und jeder schwankte zwischen Furcht und Anerkennung.

Das traf auf alle zu. Schüler, Lehrer und Eltern. So arbeitete ich 8 Jahre. Einige Jahre später hat sich dieses Bild gewandelt. Der Lehrer muss sich entscheiden: Wenn er so arbeitet, wie es früher üblich war, verliert er Schüler. arbeitet er angepasst an die neue Zeit, muss er sich nicht nur selbst hinterfragen, sondern er muss sich ein stück ablösen. Das Geschehen wird zum Prozess. Jeder kann sich entscheiden, ob er sich einlässt oder nicht.


So ist es mit Stuttgart 21. Und Herrn Wulff. Vielleicht auch dem Grafen zu Guttenberg? In Stuttgart wird es einen neuen Bahnhof geben. Jedenfalls wahrscheinlich. Und wahrscheinlich werden die Stuttgarter auch die neu entstehende Fläche genießen. Aber es wird ein solches Projekt nie mehr geben. Die Menschen, welche hierfür verantwortlich sind, haben Wesentliches gelernt: Macht alleine ist ein schlechtes Mittel. Die Bevölkerung denkt mit und lässt sich nicht mehr verwalten. Die da Oben haben sich auf nachvollziehbare Prozesse einzulassen. Und eigentlich gibt es sie gar nicht mehr (die da Oben)...

Was müssen das für Zeiten gewesen sein, als sich Macht noch richtig auszahlte, jeder über Beziehungen Titel und Projekte durchsetzen konnte und die Mächtigen dabei richtig gut protegiert wurden? Heute steigt die Regierung aus frisch geschriebenen Atomverträgen aus. Einfach so, weil man durch den Atomunfall in Japan gelernt hat, dass diese Technologie nicht beherrschbar ist. Ohne Weiteres. Stuttgart 21 - Gegner greifen nicht zu Gewalt - auch wenn sie geradezu zur Gewalt verführt werden. Sie argumentieren und lassen sich auf demokratische Regeln ein. Deshalb sind sie die Gewinner: sie haben ein System entblößt. Das System der beiden Hände, welches Wulff die Autorität gekostet hat und sein Amt wenigstens für die Zeit in der weiter leiden wird entwertet.

Außer den lustigen Minuten mit den Schülern und den Kollegen der 7a, bzw. 8a gab es auch für mich 2011 wirklich wenig zu lachen. Ausnahme: der Nachmittag mit Gabriela (GFK-Training), an dem ich auf so frische Art an Wuppertal (Sozialakademie) erinnert wurde und die vielen fröhlichen Fahrten nach Windesheim. Es kommt lediglich auf den Prozess an. Wenn ich dieses Jahr nicht alle überzeugen konnte, so bleibt mir die Gewissheit, dass ich alles eingesetzt habe und ich immer Bereitschaft gezeigt habe, mit neuen Ideen zur Entwicklung beizutragen.

Gelungen ist uns der Neubau der Ganztagsschule und die Umsetzung der jährlichen Neuregelung der Ganztagsschule in der Refinanzierung. Wir können sogar einer riesigen Spende der RAG (Bergorchester und Saarknappenchor) entgegensehen. Dennoch bleiben finanzielle Lücken. Diese zu schließen wird ohne eine wirkliche Erneuerung der Prozesse nicht gelingen. Wer zukünftig handlungsfähig bleiben will, wird sich öffnen müssen.

Das neue Jahr wird weiter Prozesse produzieren. Vermutlich wird es weiter Konflikte geben und wenn es uns gelingt diese Konflikte als Anregungen aufzufassen, werden wir weiter lernen. Nicht das, was uns Gemüt und Vorstellung vorgeben, die beide auf Tradition und Macht bauen, zählt, sondern der Prozess mit seinen Widersprüchen. Dies fordert ein Neues Bewusstsein und nicht nur das Vertrauen auf Prozesse, sondern auch den Mut zur Gestaltung. Damit geht die Verantwortung auf uns über. Keiner kennt den Weg und doch wird es ihn geben (und wenn es nicht klappt, gelangen wir wieder in die bekannten Verstandesseelenprozesse).

Instead of habitual, automatic reactions, our words become conscious responses based firmly on an awareness of what we are perceiving, feeling, and wanting. We are led to express ourselves with honesty and clarity, while simultaneously paying others a respectful and empathic attention. In any exchange, we come to hear our own deeper needs and those of others. NVC trains us to observe carefully, and to be able to specify behaviors and conditions that are affecting us. We learn to identify and clearly articulate what we are concretely wanting in any given situation. M. Rosenberg

Es ist also nötig sich auszusprechen und es auszuhalten, dass andere Menschen andere Auffassungen vertreten. Ich nenne das Konflikt. Wichtig ist mir nicht der Status des Konfliktes sondern die Art und Weise damit umzugehen. Gerade in Einrichtungen, die Menschen betreuen, welche selbst nicht mit ihren eigenen Konflikten umgehen können, ist es wichtig, sich der Auswirkungen auf die eigene Situation bewusst zu werden. Ich glaube fest daran, dass das ausreicht. Die Lösung ist schließlich ganz wenig wichtig. So lösen sich die Fragen auf ohne Gewinner und Sieger. Alle gewinnen. Das meinte Rudolf Steiner, als er die Schule in Stuttgart begründete: In einer wirklichen Lehrer-Republik werden wir nicht hinter uns haben Ruhekissen, Verordnungen, die vom Rektorat kommen, sondern wir müssen hineintragen (in uns tragen) dasjenige, was uns die Möglichkeit gibt, was jedem von uns die volle Verantwortung gibt für das, was wir zu tun haben. Jeder muss selbst voll verantwortlich sein. (R. Steiner)



Meine lieben Freunde, wir kommen mit unserer Aufgabe nur 
zurecht, wenn wir sie nicht bloß betrachten als eine intellektuell-gemütliche, sondern als eine im höchsten Sinne moralisch-geistige...(R. Steiner)


Reinhard Vieser

Sonntag, 24. Juli 2011

Nachruf Marina Lippke

Wer Marina Lippke begegnete, bekam einen dauerhaften Eindruck und er wurde wahrscheinlich auch nicht mehr von ihr vergessen. Den größten Eindruck machten ihre strahlend blauen Augen und ihr offenes Wesen. Marina Lippke konnte gleichermaßen Zuhören und Reden. Sie bestand nie auf das letzte Wort und doch hatte sie es meist. Abgerungen sagen die einen, ausgeliehen für einen kleinen Moment, bis deutlich wird, dass sie Recht hat, die anderen.

Marina konnte überzeugen. Sie war ausgesprochen spontan und redselig. Die letzten Jahre verbrachte sie in ihrer Wohnung in Klarenthal, am liebsten auf dem Balkon, umgeben von. ihren geliebten Pflanzen. Dort konnte sie sitzen und eine Geschichte über jeden Baum im Garten ihres Vermieters erzählen.

Sie war umgeben von hunderten von Karten und Bildern ihrer ehemaligen Schüler, Kollegen, ihrer Familie und ihren Freunden, deren Biografien sie kannte. Jederzeit konnte sie sich interessieren und konkret nachfragen. Scheinbar hatte sie alle Lebensbilder in ihrem Gedächtnis treu verwahrt. Eigenständigkeit und Selbstbestimmung konnte sie sich fast bis zuletzt bewahren. Als sie diese aufgeben musste, zerbrach ihr Wille. Liebevoll umgeben von der Familie wollte sie wohl einfach nicht mehr weiter.

Die Liste der Ehrungen und Gründungen, Gründungshilfen und Unterstützungen ist lang. Marina verlegte große Feiern gerne auf Anfang September. An irgend einem Tag Anfang September wurde sie 1917 in St. Petersburg geboren.

Im Jahr 1990 wurde ihr vom Kultusminister Breitenbach das Bundesverdienstkreuz überreicht, einige Jahre später das Lettische Verdienstkreuz. Sie gründete 1982 im 65. Lebensjahr die Waldorfschule Saarbrücken und 1987 die Johannes-Schule. 1995 schied sie endgültig aus dem Lehrerberuf aus um in Chemnitz den Förderbereich zu unterstützen und die Waldorfbewegung in Lettland und Litauen voranzutreiben. Mit 84 Jahren fuhr sie noch im eigenen PKW (um Geld zu sparen) nach Lettland. Sie konnte beigeistert von den Gesprächen mit den Fernfahrern auf der Fähre nach Schweden erzählen.

Verbunden war sie ein Leben lang der englischen Sprache. Gelebt hat sie ein hartes Leben, wer bei Marina übernachtete (und das waren über viele Jahre alle neu einzustellenden Kollegen), musste Borretsch zum Frühstück essen (das gibt richtig viel Energie) und sein Bett jeden Tag ordentlich machen (daran kann man sehen, ob einer auch ordentlich ist). Dafür hat sie keinen mehr aus ihrem Gedächtnis entlassen.

Marina Lippke war besonders wach, wenn es um etwas Neues ging. Sie hat sich ein Leben lang die Kindheitskräfte bewahrt. Man konnte noch bis vor kurzem alberne Kinoabende mit ihr verbringen, sie begann mit über 80 noch das Modeln und erinnerte immer wieder an bevorstehende Aufgaben.

Verbunden war sie der Anthroposophie. Bis in die späten 80er Jahre hatte sie ihren eigenen Lesekreis, der wie alles bei Marina, für jeden offen war. Konflikte und Streit begegnete sie durch Bewusstseinsbildung. Oft etwas hilflos aber immer überzeugt und überzeugend.

Auch die Sonntagshandlung und der Freie Christliche Religionsunterricht waren Marina ein Anliegen. Marina besuchte gerne die Menschenweihehandlung.

Der größte Dank gilt allerdings ihrer großen Seele, die unterschiedlichste Menschen verbinden konnte. Marina war furchtlos in der Begegnung mit Menschen. Auch was Autoritäten anging. Lange nachdem sie nicht mehr an der Schule war konnten wir manche Probleme mit der Methode Marina Lippke lösen: Einfach offen und furchtlos aussprechen, was Sache ist. Beschreibend, nichtsbeschönigend, so wie sie es in ihren Zeugnissen, in ihrer klaren Handschrift in der letzten Nacht vor der Zeugniskonferenz, jahrelang geübt hatte. Diese nächtliche Arbeit begründete sie damit, dass vor den Ferien, wenn es warm wird, die Schüler ja noch wachsen. Und dabei entwickeln sie sich. Es wäre schade, wenn diese letzte Entwicklung nicht im Zeugnis erscheinen würde.

Marina war 93 Jahre als sie ging. Wie selbstverständlich ging sie zum Schuljahresende. Natürlich hat sie uns Aufgaben hinterlassen: Bau eines Werkstattgebäudes. Das sei für unsere Schüler besonders wichtig. Und weil Marina wie immer Recht hat, glaube ich daran, dass ein solches Gebäude entsteht.

Die neue Seite des Lebens

Manches ist eben anders. Ganz einfach. Gemein ist dabei nur, dass es zwar anders ist, aber man eben damit nicht gerechnet hat. Und jetzt kommt eine Instanz ins Spiel, die sich immer meldet und das manchmal recht heftig: das Gefühl. Zum Problem, dass man nicht damit gerechnet hat, kommt jetzt auch noch das verflixte Gefühl, das andeutet: oh, solche Situationen sind in der Vergangenheit schon mit einer kleinen Beklemmung belegt gewesen und schwupps, stellt sich diese ein. Das ist erst einmal kein Problem, denn noch gib es eine weitere Instanz und diese sagt: macht nichts, bewegen wir uns ein Stück zur Seite, dann stimmt es wieder.

So weit, so gut. Nur, was passiert, wenn aus „manchem“ „vieles“ wird? Dann ist vieles anders. Und mit dem Ganzen hat man nicht gerechnet. Und die Gefühle fangen an zu melden. Unmittelbar und heftig. Und der Wille weiß nicht mehr wohin. Da gerät einiges durcheinander und irgendwie ist nicht mehr klar, was nun wirklich Sache ist. Plötzlich kann man nicht mehr einfach auf Erfahrungen zurückgreifen und eine routinierte Lösung finden.

Vielleicht gibt es jemanden, dem Ähnliches passiert ist und der die Gefühlslage einordnen kann – dann hat man Glück. In diesem Fall gibt es richtige Hilfe – Mitleid und man kann auf Erfahrungen Anderer zurückgreifen.

Vielleicht gibt es eine Theorie zum Geschehen. Auch gut. Das ist die sachliche Variante. Auch hier kann es eine schnelle Lösung geben.

Wahrscheinlich ist es aber anders. Man glaubt dem nicht, der sagt, er kenne das und man zieht selten gerade zufällig das Buch aus dem Regal, in dem die Lösung steht. Eher ist es so, dass man mit großem Aufwand versucht sich selbst zu retten. Man zieht sich selbst aus dem Loch.

Nun, das ist der Berufsalltag des allein-kämpfenden der Alltag dessen, der ein Schwaches Team um sich herum hat, welches nicht gelernt hat, sich zu Orten, sich zu Richten und zu Kommunizieren.

Drei Dinge braucht es: Ortung, Richtung und Kommunikation.

Die Ortung bestimmt die Lage. Es ist der Wille. Hier stehen die einzelnen Teamer. Jeder hat sein Feld, seinen Platz und seine Aufgabe. Ist einer gerade verhindert, übernimmt der nächstgelegene. Geht es anders, wird es bemerkt: Hallo. Ich sehe bei Dir eine Abweichung. Macht nichts. Ich komme. Hoffentlich erlaubst Du mir das. Ich bestehe nicht darauf, denke aber gerade, dass es hilft.

Die Richtung ist das, mit dem man rechnet. Jetzt gemeinsam rechnet. Stimmt diese nicht mehr, kann sie korrigiert werden. Und das so, wie es die jeweilige Dynamik zulässt. Oft wird gar nicht die Richtung geändert, sondern lediglich die Geschwindigkeit oder die Dynamik. Hier können wir uns abstimmen und wir haben hier die einzige Möglichkeit überhaupt sozial zu sein. Die Gedanken oder besser die Ideen sind der Ort, der uns miteinander verbindet. Hier gibt es wirklichen Frieden und echte Gemeinsamkeit.

Und die Kommunikation lebt aus zwei Kräften: dem Sozialen und dem Antisozialen. Weniges kann die Kommunikation leisten. Sie ist reines Mittel der Verständigung. Im Hören sozial, im Sprechen antisozial. Keine Chance. Immer wieder sozial und immer wieder antisozial. Dennoch ist sie ein Schlüsselinstrument: Allein sie kann helfen die Brücken zu bauen, die notwendig sind. Dabei ist die Sprache nachrangig. Viel wichtiger ist die Körpersprache, die Körperspannung und das Charisma.

Und was ist die neue Seite des Lebens? Es ist der Wechsel zurück in die Klasse. Einst begann ich meine berufliche Laufban in einer ersten Klasse einer Waldorfschule. Damals war ich 27 Jahre jung und voller Ideale. Junger Familienvater sucht Arbeit. Diese habe ich bekommen und das erreicht, was ein junger Lehrer so erreichen kann: Mehr oder weniger zufriedene Eltern, ein wachsendes Kollegium und eine funktionierende Klasse. Jedenfalls mehr oder weniger funktionierend.

Schließlich hat sich der Lehrer um das Gebäude gekümmert und um die Finanzierung. So ist der Lehrer – für ein Jahr – in eine neue Rolle geschlüpft. Jene Rolle des Geschäftsführers, der nebenher unterrichtet. Die Schule wuchs und die Jahre vergingen. Aus einem Jahr wurden fünf und dann 13. Bis zum Tag X. Jener Tag, der drei Ströme vereinte: Einen Strom der Frage, einen Strom der Finanzenge und einen Strom der inneren Neugierde. Die Frage war: Wer übernimmt die verwaiste 7. Klasse? Die Finanzenge war: Wie wird im Saarland integriert? Und die Neugierde war: Kannst du das noch?

Und nun sind 7 Monate vergangen. Harte Monate. Aufstehen um 5.30 Uhr und spätestens um 22.15 Uhr im Bett. Auswendiglernen, vergessen, kommunizieren, Richtung finden, vorgeben, zuhören, lesen, korrigieren, einstecken, handeln, erzählen, vermitteln, aussprechen, ertragen, aushalten, anhalten, unterstützen, beobachten, helfen lassen, urteilen lassen, Ideen finden, und so weiter.

Und es ist anders. Nicht etwa, dass es nie gelänge, nein. Ab und zu ist es sehr gut und gleich wieder schlecht. Es hängt ganz wenig von der Vorbereitung ab. Es ist eine Laune. Es ist gewaltig. Es ist absurd. Und wenn ich davon im Kollegenkreis erzähle, regt dies oft die Gefühle und man lächelt. Jaja bekannt. Hier und an anderen Schulen. Jaja.

Nur: Was braucht es? Wo führt das hin? Werde ich dem gerecht, was von mir erwartet wird? Es ist eben anders. Ganz anders als ich es erwartet hätte. Und es ist heftig und vielschichtig. Ich lese Zeitung und finde die gleiche Gewalt im Alltag wieder. Die gleiche Verunsicherung. Die gleichen Standpunkte. Was soll es? Ist ja eh' nicht wirklich sinnvoll. Was soll schon werden? Ich schaffe das sowieso nicht. Lass es gut sein. Ich will meinen Spass, meine Ruhe und mein Erleben.

Wenn ich mich erinnere, was ich noch am Schreibtisch sitzend, gesehen habe, so waren es LehrerkollegInnen, die glaubten alles im Griff zu haben, Schüler, die unglücklich oder angepasst waren und Eltern, die verzweifelt waren. Heute bin ich ein Lehrer, der gerne alles im Griff hätte, dem alles Eigensein seiner Schülerinnen und Schüler nervt und der mit verzweifelten Eltern spricht. Wie schön. Und wo ist die Lösung?

Den Standpunkt in seiner Dynamik finden. Beweglich werden und Felder erschließen: Lernfeder, Bewegungsfelder, Sprachfelder und Gestaltungsfelder.

Die Kommunikation stärken. Erzählen, Spiegeln, Benennen und Aussprechen. Nichts im Ungewissen lassen und für alles Worte finden. Das, was uns Missverständnisse liefert, ist gewaltig. Sprache, Körpersprache und Körperspannung einsetzen, schweigen und sich besinnen.

Gemeinsame Absprachen treffen. Mit Schülern, KollegInnen, Eltern. Immer wieder. Aufschreiben, ändern, verstärken. Wahrnehmen und Wertschätzen. Immer nur beschreiben, nie urteilen. Ein Türchen offen lassen. Eine Frage nie als Antwort nehmen. Es keinem zu leicht machen und alles hinterfragen. Immer wieder Mut aufbringen und Reflexionen zulassen und einbringen. Das aussprechen, was gerade Sache ist.

Im Leben des handelnden Geschäftsführers spielen Prozesse eine wichtige Rolle. Ergebnisse sind schön, Prozesse wichtig. Im Leben des Lehrers gibt es nur Prozesse. Alles wird zum Ablauf und zum flow. Wer diesen flow nicht gestalten kann, hat ein Problem. Glück war das, was mich als Geschäftsführer erfolgreich machte. Und Glück ist das, was ich zum Lehrersein brauche.

Ich bewundere die glücklichen KollegInnen und ich schätze die wackeren Schüler, die jeden Tag aufs Neue kommen und sich einbringen. Allein, wo bleibt mein flow? Muss ich wirklich ein Jahr warten, bis ich in den flow komme?

Das rechte Gefühl, das rechte Wort und die rechte Idee. Das echte Gefühl, das echte Wort und die echte Idee.


R. Vieser





Samstag, 25. Dezember 2010

Das Jahr 2010

Das Jahr 2010 war mein Durchhaltejahr. Ein Jahr in dem es um Hopp oder Topp, um “oben bleiben” ging. Es gab weder richtige Misserfolge noch rechte Erfolge. Ich habe vielleicht noch nie so viel gearbeitet in meinem Leben aber ganz sicher noch nie so viel an unterschiedlichsten Baustellen. Auch hatte ich nie so ausgiebige und weit entfernte Urlaube (die auch dazu führten, dass ich mich entbehrlich fühlte).

Es war (m)ein Jahr des Konfliktes. Immer wieder habe ich die weisen Worte eines ehemaligen Vorstandes unseres Schulvereines erinnert: “Nicht jeder Konflikt muss im Streit enden”. Und so wie sich die Konflikte im Äußeren Leben zeigten, begleitet durch Naturkatastrophen und wirklich sichtbar unfähige Politiker, zeigten sich diese auch in meinem Arbeitsleben.

Oft fand ich nicht die Kraft (ich schiebe das gerne auf die “Zeit”), um diese Konflikte anzugehen. So gab es gehäuft Situationen, in denen schließlich das eintrat, was ich befürchtet hatte und das abwendbar gewesen wäre, hätte man nur früher nach meinem Rat gehandelt. Und doch hätten die betroffenen Menschen nicht das gelernt, was sie auf diese Weise lernten.

Begonnen hat in diesem Jahr alles mit einer Vertrauensfrage, die - zumindest bei mir - vieles geklärt hat. Das war, wie immer wenn es um das Lernen geht, schmerzhaft. Nach vielen Monaten kann ich noch immer nicht sagen, ob ich nun den Menschen um die es ging vertrauen kann. Ich bin mir aber sicher, dass es sich doch immer wieder lohnt einen gewissen Vertrauensvorschuss aufzubauen, auch um sich das mögliche Erlebnis des “sich getäuscht habens” nicht entgehen zu lassen. Auch sehr lehrreich und eben wieder schmerzhaft.

Nach dem diese Fragen einigermaßen geklärt waren, gab es Unsicherheiten bei der Finanzierung unserer Schule. Um die Fehlerquote möglichst gering zu halten, habe ich zwei Controller engagiert. Glücklicher Weise - oder auch fataler Weise - haben beide keine Fehler in meinen Prognosen gefunden. Es musste also gehandelt werden.

Gleichzeitig war ich in Prozesse eingebunden, die andere Schulen betrafen und bei denen ich als Controller gefragt war. Das Interessante dabei waren die vielen Kooperationspartner. Es war aufwendig und kompliziert. Am Ende haben wir es dann doch geschafft und wie sich später herausstellte, auch zurecht. Leider haben dabei aber auch einige Beziehungen gelitten, die beim Ringen um den Erfolg teilweise überstrapaziert wurden. Dennoch sind die Konzepte und deren inhaltliche Deutung weitreichend: Sachttenstunden, in denen ganze Klassen eigenständig arbeiten, nur begleitet von Lehrern, die sich selbst vorbereiten. Arbeitszeitmodelle, in denen Unterricht, Vorbereitung, Betreuung und Verwaltung in Jahresarbeitszeiten gemessen werden, weil sie von einer einzigen Person in unterschiedlichen Rollen durchgeführt werden.

Der Verlust der Beziehungen ist besonders bedauerlich, zumal ich an dieser Stelle in anderen Jahren gerade neue aufbauen konnte. Die vielen Baustellen und deren immenses Verschlingen von Vertrauen haben stark an allen Beziehungen gezehrt. Für einige Menschen muss ich als verstärkt unzuverlässig gelten.

Zum Schuljahresende ging es wieder um die Schule. Nun war die ganze Phantasie gefragt um Lösungen für die im Kleid der Integration umherschleichende Inklusion und deren vernichtende Wirkung auf unsere Schülerzahl zu finden. Eines war klar: wir müssen Stellen einsparen. Da kam uns das kurzfristige Ausscheiden eines Lehrers gelegen. Nur: Wie diese Stelle besetzen? Alle in Frage kommenden Mitstreiter haben abgesagt. Und da kam es. Aus einer Laune heraus oder einer Eingebung folgend: ICH mache das!

Damit begann das Doppelleben als Lehrer und Geschäftsführer. Der einzige Trost war, dass aufgrund der kommenden wirtschaftlichen Misere und den schwierigen Verhandlungen Außerhalb, hätte ich als Geschäftsführer “alleine” sicher fürchterlichen Streß gehabt. Diesen hatte ich dann einfach auf mein Lehrerdasein verlagert.

Und Lehrer sein heißt heute: Alles das vorfinden, was früher auch war, nur mit einer unendlichen Geduldsprobe verbunden. Also Lesen ohne Ende, Vorbereiten, Unterricht. Und: Gespräche, Urteile abbauen und Vertrauen aufbauen. Was ich in einem Monat erreichen wollte, habe ich in drei Monaten nicht geschafft. Eine wirkliche Probe fürs Gemüt und die Persönlichkeit.

Wäre da nicht die liebevolle Unterstützung von Schulbüro, Kollegium, lieben Freunden und Familie gewesen, wer weiß, wann ich aufgegeben hätte?

Und dann zum Jahresende wieder die Vertrauensfrage. Dieses Mal nicht von mir ausgehend, sondern von den anderen und auf mich gerichtet. Sollte ich mich dem ausliefern? Habe ich etwas übersehen? Muss ich überall dabei sein? Kann ich auch mit einer Niederlage leben? Was macht mich traurig? Was wütend? Was lässt mich nicht schlafen? Zieht das nicht unnötig Kraft ab vom Unterricht? Kann ich da überhaupt noch etwas bewirken? Werde ich unsachlich? Was denken die Anderen von mir?

Das Ergebnis war zumindest vorübergehend bestätigend. 5:4 bei zwei Enthaltungen. Nicht gerade sehr eindeutig. Und doch, so glaube ich, deutlich genug um das zu erhalten, was alle eindeutig geschätzt hatten und was erlebbar war: Es gab mehr Gemeinsamkeiten als Störfaktoren und irgendwie ist die gesamte Gruppe zusammengewachsen.

Im vergangenen Jahr musste ich neue Strategien für den Erhalt meiner Gesundheit finden. Diese fand ich in Neunkirchen im Fitness-Studio. Ich weiß nicht genau, wie oft ich dort anwesend war. Ich glaube aber, es waren etwa gleich viel Stunden wie auf dem Bürostuhl sitzend.

Am Ende frage ich mich, was ich gelernt habe: Ist es vielleicht: Es geht auch ohne mich? Oder: Ich bin nicht wichtig? Fehlt es an Kraft? Nein. Das Leben kann ein Geschenk sein. Dann, wenn man sich im “flow” befindet. Gerät (mein) System einmal aus den Fugen wird es unendlich schwer weiter zu bestehen. Dann kommt die Durchhaltephase. In den Momenten, in denen ich mich entbehrlich fühlte, war ich schon gescheitert. In jenen Momenten, in denen ich um den Erhalt bemühte, waren die Prozesse bereits fortgeschritten.

Man nennt das Prokrastination. Alles wird so weit herausgeschoben, bis es endlich kaum noch gelingen kann. Dann endlich, kurz vor Schluß, bemüht man sich darum und die Sache ist kurz vor dem Scheitern. Mit letzter Energie wird wieder gerichtet und geklärt, wobei die Beziehungen keiden, weil man zwangsweise übergriffig wird. Am Ende steht ein gezwungenes Ergebins, das wenig Charme hat und sich wenig vom Durchschnitt unterscheidet.

Ich habe mir über wenige Dinge so viele Gedanken gemacht, wie darüber, ob ich nicht zuviel arbeite. Und die Antwort ist immer wieder: Es liegt nicht an der Arbeit, sondern am Aufwand. Ich bin für einige Aufgaben einfach nicht vorbereitet. Dann gehe ich sie nicht gleich an und schon wird prokrastiniert. Scheinbar ist das eine geheime Strategie, die schlechte Ergebnisse in einem besseren Licht erscheinen lässt, da diese unter “schwierigen Bedingungen” entstanden sind.

Im letzten Jahr habe ich gelernt, dass nicht Konflikte für das Gemüt beherrschend sein dürfen, sondern die wenigen und glücklichen Stunden des Verständnisses. In diesem Jahr lernte ich Kapitel II: Verliere nie das Vertrauen in andere Menschen. Sie fragen eben nur das an, was frei gegeben werden kann und sie wollen nicht eine flatrate, sondern behalten sich vor, das zu nehmen, was sie benötigen. In der Zwischenzeit ist Arbeit angesagt. Dieses Mal innere Stillarbeit. Sozusagen die Schattenstunde der Selbstentwicklung.

Donnerstag, 31. Dezember 2009

Die neuen Meister und ein zweifelnder Geselle

Zum Werke, das wir ernst bereiten,
Geziemt sich wohl ein ernstes Wort;
Wenn gute Reden sie begleiten,
Dann fließt die Arbeit munter fort.
So laßt uns jetzt mit Fleiß betrachten,
Was durch die schwache Kraft entspringt,
Den schlechten Mann muß man verachten,
Der nie bedacht, was er vollbringt.
Das ists ja, was den Menschen zieret,
Und dazu ward ihm der Verstand,
Daß er im innern Herzen spüret,
Was er erschafft mit seiner Hand.
aus Friedrich Schiller (Das Lied von der Glocke)

Manchmal - vor allem am Morgen - fällt mir etwas ein. Heute waren es die letzten fünf Zeilen der zweiten Strophe vom Lied von der Glocke. Aus ganz unterschiedlichen Gründen fing ich im November an, mich um Mystik zu kümmern. Bis dahin hatte ich keinen oder einen eher konfessionell geprägten Zugang zur Mystik. Sicher, ich war fasziniert von den Waldensern, den Katharern und ebenso von der Atmosphäre im Dom zu Speyer oder der Abtei Romainmotier. Dennoch begegnete ich diesen Eindrücken mit großer Vorsicht. Vor allem wenn es um Salzkristalleuchten im Schulbüro ging...

Im Berufsalltag der Waldorfschule kann ja praktisch jeder Eindruck mystifiziert werden. Das geht, zumal ich weiß, dass immer alles mit allem zusammenhängt. Den Spruch: "Jeder Chef hat die Mitarbeiter, die er verdient", habe ich in Saarbrücken an der IHK (Industrie und Handelskammer) gelernt. Eine andere Erfahrung, welche in eine ähnliche Richtung deutet, kam aus Wuppertal (Sozialakademie): "Es ist wie es ist" und "Alles hat seine Bedeutung".

Im November besuchte ich "Jameos del Agua", den unteren Teil eines 6 km langen Höhlensystems auf Lanzarote. Es war mein erstes Wochenende auf Lanzarote. Da ich gemeinsam mit zwei großen Reisebussen ankam, wartete ich in der ersten großen Vulkanblase, bis die Gruppen weg waren. Die Zeit vertrieb ich mir mit einem Espresso. So saß ich in der Vulkanblase - fast alleine - und ohne dass ich es wollte, fühlte ich mich wie im Dom zu Speyer. Die entsprechende Erklärungen war bald gefunden: Akustik und Windstille. Das war aber wenig befriedigend. Am Ende meines Aufenthaltes in Lanzarote konnte ich zwar nicht die geologischen Vorgänge des Vulkanismus beschreiben, vielmehr jedoch meine Gefühle, mein Denken und Wollen in den Kratern.

Unterschiedliche Strömungen der Psychologie und mehr oder weniger bedeutende Lebensschulen, es gibt ja einige auf dieser modernen Welt (Uwe Mingo, Yehuda Tagar und Roland van Vliet) begegnen mir im Berufsalltag. Oft bin ich dann gefordert, schnell zu urteilen, was sich später manches Mal als Vorurteil  herausstellt. Diese Menschen beziehen sich ja durchaus auf sehr unterschiedliche Inhalte oder Weise. Bei Mingo ist es Valentin Tomberg, bei Yehuda Tagar die "Psychosophie Steiners" und bei Roland van Vliet sind es die Rosenkreuzer.

Wenn mich Freimaurer ängstigen, liegt es wohl daran, dass ich nicht weiß, was sie in Wirklichkeit für Ziele verfolgen (ab und an bemerke ich eklig chauvinistische Züge an Freimaurern). Bei den oben genannten Persönlichkeiten, ist ja wenigstens alles offenbar. Auch wenn der eine oder andere sein Konzept gerne verkaufen will und deshalb nicht alles veröffentlicht oder gar damit wirbt, dass man Geld mit dem zertifizierten System verdienen könne.

Vielleicht sollte ich ganz einfach meinen eigenen Weg suchen und jene Anregungen tolerant aufnehmen, welche durch die neuen Schaffenden gegeben werden. Doch irgendein Reflex hält mich davon ab. Es ist wohl der gleiche, der mir die Vorurteile zuschustert. Und es ist ein alt bekannter Reflex, welcher mich 1983 vor Rudolf Steiner und 10 Jahre später vor Witzenmann warnte. Auch warnte er mich vor mystischen Erfahrungen.

So befinde ich mich am Anfang eines neuen Weges. Bei Rudolf Steiner ist ja sehr interessant, wie sehr die moderne Hirnforschung und die humanistische Psychologie vieles heute von dem bestätigen, was Steiner vor 90 Jahren ohne technische Mittel wie Hirnscanner in seinen Vorträgen beschrieben hat. So wird die achtsamkeitsbasierte Psychotherapie in "Gehirn und Geist", September 2009 beschrieben, welche in interessanter Weise mit der Erkenntnistheorie Witzenmanns und Van Vliets "Ungeteilter Aufmerksamkeit" korrespondiert.

Zwei Dinge werde ich beachten: 1. Keinen Personenkult betreiben. Und 2. Immer darauf achten, dass wie im Lied der Glocke anklingend, Denken, Fühlen und Wollen übereinstimmen.

Und die Zweifel? Sie werden bleiben (dürfen).










Donnerstag, 24. Dezember 2009

Das Jahr 2009

Seit Jahren erhalte ich den Jahresbrief einer meiner Lehrer, Manfred Sliwka. In diesem Jahr entschließe ich mich, meinen eigenen zu schreiben.

Begonnen hat alles mit der Wirtschaftskrise. Dieses Wort hörte ich immer Anfang des Jahres immer wieder. Dabei hatte die Wirtschaft gar keine Krise. Die Krise hatte nichts mit Wirtschaft, sondern mit Lüge zu tun. Und wenn nicht mit Lüge, dann doch mit unverbesserlicher Fehleinschätzung, die zum "System" wurde.

Im Kleinen hatten wir diese Krise bei den Hannoverschen Kassen. Da war es ganz einfach: Grundstücke und Gebäude wurden neu bewertet, das fehlende Geld wurde eingesammelt und da alle ehrlich miteinender umgegangen sind, wurden sogar die Kredite weiter bedient. Somit ist lediglich ein "Buch"-Schaden eingetreten.Und weil man sich in diesen Zusammenhängen sehr ernst nahm wurden die Verantwortlichen auch zur Rechenschaft gezogen. Als sich im Nachhinein herausstellte, dass keiner der Verantwortlichen menschlich falsch gehandelt hat waren alle froh. Begleitet wurde dieser Prozess von einem Beratungsinstitut (Evaluierung).

Im wirklichen Leben war das anders. Die Summen sind zu hoch um sie einfach auszugleichen und die Kredite werden nicht mehr bedient. Fertig? Nein, die Regierungen haben sie bedient. Mit jenem Geld, welches eigentlich für öffentliche Zwecke als Steuern bei uns eingesammelt wird. Und das nun auch die Schulbranche in nie gekanntem Ausmaß mit Geld versorgen wird, welches uns in 10 Jahren fehlt.

Das Merkwürdigste für mich ist bei all dem, dass diese einfachen Zusammenhänge immer so kompliziert erklärt werden. Auch wirklich nicht nachvollziehbar war mir die Rolle der Ratingagenturen. Bedeutet dies eine Krise der neuen Evaluation?

Evaluation begleitete mich durch das Jahr. Einerseits in Form von Supervision und andererseits im Zusammenhang mit meiner Arbeit als Geschäftsführer beim Versuch eigene Projekte ins Leben zu rufen oder diese weiterzubetreiben. Projekte, die gewöhlicherweise unter staatlicher Aufsicht stehen und welche von uns als Schule oder in der Sozialarbeit als "private" Träger im Sinne der Bürgergesellschaft übernommen werden.

Als Michael Landgraf das neue Buch von Grandt über Waldorfschule im evangelischen Kirchblatt rezensierte nahm ich im Auftrag der Regionalen Arbeitsgemeinschaft Kontakt auf. Das Ergebnis des Gespräches war, dass journalistische Arbeit auch bezahlte Arbeit ist und wir am Ende an dem gemessen werden, was wir vorgeben zu tun und dann wirklich tun. Auch hier klingt Evaluation durch. Unsere Arbeit ist dann vollständig, wenn sie Evaluation standhält. Diese vergleicht immer ob die Durchführung der Aufgabe mit den Maßgaben und Parametern erreicht wurde, welche am Anfang gesetzt wurden. Wenn nein, zeigt sie die Abweichungen (Fragen) auf und ändert entsprechend die neuen Ziele damit beim nächsten Mal die Ziele besser erreicht werden.

Auch bei der Begleitung einer Waldorfschule in Gründung waren diese Fragen aufgeleuchtet. Hier war es jedoch wesentlich komplizierter, da Initiativkraft dieses an sich einfache System stört. Aus diesem Grund wollte das saarländische Kultusministerium auch einen Gesetzentwurf einbringen, welcher im Saarland eine Neugründung einer Waldorfschule verunmöglicht hätte. Dies konnte glücklicherweise verhindert werden.

Zum Jahresende wurde es wieder spannend. Nach den Ferien und einer intensiven Arbeitsphase für alle Einrichtungen sind neue Fragen aufgetreten. Merkwürdiger Weise auf der einen Seite durch die Evaluation. Sie brachte die Fragen auf den Punkt und nun müssen sie schmerzlich gelöst werden. Auf der anderen Seite fand keine Evaluation statt und in der Folge gab es eine Kettenreaktion sich steigernder Ereignisse, welche schließlich beinahe zum Kollaps geführt hätten.

So ist ein Jahr vergangen, welches im Rückblick arbeitsreich war. Geholfen hat die Krise, da sie weit mehr das Thema Bildung befördert hat als es die Pisa-Studie je hätte schaffen können. War die Bildungsbranche vor einem Jahr noch eher durch schwindende Schülerzahlen und überalterte Lehrer bedroht, so fließen über Konjunkturpaket und durch das neue Bewusstsein, dass Bildung eine nachhaltige Wertschöpfung für alle bewirkt, nun wieder mehr Gelder in diesen Bereich.

Wir werden sorgsam damit umgehen. Auch weil wir evaluieren.

Eine letzte Facette dieses Themas ist wohl die Diskussion um Inklusion. Im vergangenen Jahr besuchte ich eine Fachtagung zum Thema mit dem Titel: "Die Bordmittel der inklusiven Schule". Wie witzig: die Bordmittel sind vor allem Evaluationsmittel: Fachsupervision, Teamgespräche und Dokumentation.

Die afroamerikanische Feministin Pat Parker hat dies prägnant formuliert: „Erstens: vergiss, dass ich schwarz bin. Zweitens: vergiss nie, dass ich schwarz bin." Ich sage dir: "Bei dieser schwierigen Aufgabe hilft dir Evaluation".